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Bildnachweis: Marktgemeinde Reichersberg

Mit gutem Management ans Ziel

Der Gewinner des diesjährigen public Top-250-Gemeinderankings ist die oberösterreichische Marktgemeinde Reichersberg. Direkt am Inn gelegen, grenzt der 1.500 Einwohner zählende Ort an Bayern.
Von Agnes Kern


Außenaufnahme der Volksschule Reichersberg nach dem Um- und Neubau.

Und diese Lage ist auch ein Teil des Erfolgsrezeptes der Gemeinde. Die Nähe zu Deutschland und die Autobahnabfahrt waren bei der Ansiedlung der Betriebe im Ort ausschlaggebend: „Wir haben das Glück, sehr erfolgreiche Firmen auf unserem Gemeindegebiet zu haben. Wir haben hohe Kommunalsteuereinnahmen. Den Unterschied macht hier insbesondere die Firma FACC aus, die Leichtbauteile für Flugzeuge fertigt“, so Bürgermeister Bernhard Öttl, der sich über die gute Platzierung seiner Gemeinde freut. Lob für die Gemeinde gibt es auch vom Land Oberösterreich: „Die Gemeinde Reichersberg ist wirklich sehr gut geführt. Sehr positiv zu erwähnen ist,  dass sich das jährliche Kommunalsteueraufkommen von 49.000 Euro im Jahr 2001 bis zum Jahr 2012 auf 1,4 Mio. Euro gesteigert hat. Das ist eine Sondersituation mit einem sehr guten wirtschaftlichen Umfeld. Weiters hat die Gemeinde auch eine sehr geringe Finanzschuld. 85 Prozent der Finanzschulden einer Gemeinde in Oberösterreich betreffen den Kanal- und Wasserbau, auch hier ist die Gemeinde Reichersberg sehr positiv unterwegs“, kommentiert Landesrat Max Hiegelsberger die Situation. Diese Einschätzung teilt auch das KDZ. Laut Analyse sind die eigenen Steuern in Reichersberg rund 4,5-mal so hoch wie in anderen österreichischen Gemeinden mit vergleichbarer Größe, während die Schulden reduziert werden konnten und der Verwaltungs- und Betriebsaufwand leicht unter dem Durchschnitt liegt. Doch Bürgermeister Öttl gibt sich bescheiden: „Wir werden diesen guten Platz nicht lange halten können. Das sind immer nur Momentaufnahmen. 2015 haben wir unsere Schule saniert bzw. angebaut, d. h. die Zahlen werden sich hier wieder ändern.“


Das Feuerwehrhaus Münsteuer nach Um- und Neubau 2015, Gemeinde Reichersberg.

Die gute Bonität hat auch ihren Preis. Denn wenn die Ertragskraft steigt, klettern auch die Sozialhilfeabgaben und Krankenanstalten-Beiträge in die Höhe. „Indem wir immer gewachsen sind, hat das sehr gut funktioniert. Wenn einmal ein Knick kommt, wird es uns genauso treffen. Wir versuchen möglichst viel zu investieren, thermische Sanierungen durchzuführen, damit können wir uns laufende Kosten sparen. Wir erzeugen auch mit Hilfe zweier Photovoltaik-Anlagen Strom für den Kindergarten. Wir versuchen mit unseren Investitionen auf alle Fälle Kosten zu sparen“, argumentiert der Bürgermeister. „Die Sozialausgaben sind bei uns pro Einwohner gerechnet sehr hoch, weil die Ertragskraft sehr hoch ist. Aber nachdem die Einnahmen da sind, können wir das gut verkraften. Die Ertragskraft ist ja zwei Jahre hinten nach. Wenn die Einnahmen zurückgehen, wird man danach immer noch steigende Kosten haben und dann kann das bei uns auch ein Thema werden“, meint Öttl und versteht den momentanen Unmut anderer Gemeinden, die keine so große Ertragskraft haben: „Sie sagen, warum muss ich da soviel Geld hergeben, wo ich nicht mitreden kann. Das ist der Punkt beim aufgabenorientierten Finanzausgleich. Wir geben hier irrsinnig viel Geld her und können die Kosten nicht beeinflussen.“ Auch in die Kinderbetreuung fließt viel Geld. Hier würde sich Öttl eine Entflechtung der Verantwortungen wünschen: „In der Privatwirtschaft heißt es: Wer zahlt, schafft an. Hier ist es leider nicht so.“ Noch geht es der Gemeinde finanziell aber richtig gut und eine weitere große Investition steht an. „Unser nächstes großes Ziel ist ein neues Gemeindeamt, ein Gemeindezentrum. Das ist schon in die Jahre gekommen und das möchten wir uns in dieser Periode unbedingt noch vornehmen“, so Öttl.

Was Öttl aber besonders am Herzen liegt: „Jede Gemeinde muss für sich selber schauen, wo die Stärken und Schwächen liegen. Nicht jede Gemeinde hat eine Autobahnabfahrt so wie wir. Man muss sich diese Stärken suchen – ob man sich als Wohngemeinde präsentieren kann oder Betriebsansiedlungen braucht. Man muss ständig arbeiten und ständig schauen, dass was weitergeht und dass man sich bemüht. Das ist im Beruf so und auch auf der politischen Ebene. Dann gibt es am Ende des Tages einen Erfolg – hoffentlich. Wir haben auch eine große Portion Glück gehabt.“

Hierzu startet die Gemeinde einen Agenda-21-Prozess und holt die Bürger mit ins Boot. Sie sollen mitbestimmen können, wie es weitergeht, auch mit der Raumordnung. „Wollen wir aggressiv um Firmen werben oder sollen wir die Wohngemeinde Reichersberg forcieren? Wofür ich mich sicher starkmachen werde, ist, dass wir die Nahversorgung, die Schule und auch den Kindergarten langfristig sichern. Das ist mein persönliches Ziel. Im Zuge des Agenda-21-Prozesses hole ich mir hier aber auch Input von der Bevölkerung“, meint der Bürgermeister, der wissen will, was die Leute berührt und was sie wollen. Auch, um nicht das Gespür zu verlieren und betriebsblind zu werden. In den über eineinhalb Jahre dauernden Prozess sollen sich die Bürger entsprechend einbringen, nicht nur die Politiker. „Wir haben Gestaltungsspielraum und der soll gemeinsam mit den Leuten genutzt werden.“