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Projekt_Salzburg_kleinBildnachweis: SIR, Fotohof Salzburg

Pionierarbeit lohnt sich!

public hat sich umgehört, wie kompliziert EU-Projekte tatsächlich sind, welchen Mehrwert sie bieten und ob sich der Aufwand lohnt. Zu welchen Schlussfolgerungen wir gekommen sind, erfahren Sie anhand des CONCERTO-Projektes "Green Solar Cities". Von Agnes Kern

Nach sechs Jahren Projektarbeit fand im April letzten Jahres in Salzburg die Abschlussveranstaltung zum recht erfolgreichen CONCERTO-Projekt "Green Solar Cities" statt. Eines der Teilprojekte, Salzburgs Stadtwerk Lehen, wurde zum Modellwohnbau des Landes Salzburg erklärt. Ziel des Projektes in Salzburg war, durch neue Baumaßnahmen auch die Strukturen im Altbestand zu beleuchten, Wege, Verkehr und Freiräume mit zu betrachten und langfristig einen Erneuerungsprozess einzuleiten, der Lehen zu einem Modellstadtteil für nachhaltige und zukunftsfähige Entwicklung macht. Im Erfahrungsaustausch mit der Stadt Kopenhagen wurde aufgezeigt, wie im städtischen Bereich innovative Energiesysteme sowie eine energieeffiziente Bauweise bei der Sanierung und beim Neubau zum Einsatz kommen. Der ganzheitliche Ansatz wurde durch soziale Aspekte ergänzt.

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Von der Idee zu den Partnern

Die Idee zum Projekt "Green Solar Cities" wurde bei einem gemütlichen Beisammensein in Kopenhagen geboren. "Einer der Partner erzählte, dass es eine tolle neue Ausschreibung von der EU gibt. Das neue CONCERTO-Programm förderte ganze Stadtteile. Ich habe mich dann umgesehen, habe mit der Stadt und den verschiedenen Bauträgern Kontakt aufgenommen und nach einem Stadtteil oder nach einem größeren Projekt gesucht, wo es sich lohnen würde, über ein einzelnes Haus, ein einzelnes Baufeld hinauszuschauen", erzählt Inge Straßl vom SIR.

CONCERTO

ist Teil des 6. Forschungsrahmenprogramms der GD für Energie und Transport der EU Kommission. Es dient der Umsetzung von nachhaltigen Best-Practice-Lösungen im Energiebereich für Kommunen oder definierte Stadtteile. Dabei unterstützt es Gemeinden bei der Entwicklung und Demonstrierung konkreter Strategien und Aktionen, die sowohl nachhaltig als auch besonders energieeffizient sind.

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Bei der Steuerungsgruppe, die vom Sekretär des Planungsstadtrates geleitet wurde, trafen sich alle Entscheidungsträger in Salzburg. Insgesamt gab es 45 Sitzungen in sechs Jahren.

Die Idee mit Lehen kam relativ schnell, denn das Stadtwerkareal und das ganze Umfeld sollten neu gestaltet werden. Die verschiedenen Stakeholder und Eigentümer wurden ausfindig gemacht. "Wir haben den Vorteil gehabt, dass wir unsere dänischen Partner schon von früheren Projekten gekannt haben. Wir wussten, dass das eine Partnerschaft ist, wo man mit 100-prozentigem Vertrauen arbeiten kann. Das ist wichtig, weil gerade der Lead-Partner alle Berichte zusammenstellt und die Finanztabellen macht", so Straßl.

Partner für ein EU-Projekt kann man auch über Netzwerke oder Datenbanken finden. In jedem Land gibt es auch Verbindungsbüros, die Partner vermitteln. Insbesondere sollte man sich schlaumachen, was die einzelnen Partner an Erfahrungen und Referenzen haben. Ursprünglich wollte Salzburg mit dem ungarischen Partner, mit dem man ebenfalls schon früher zusammengearbeitet hatte, zu dritt einreichen. Der Budapester Bezirk schaffte das Tempo aber nicht. Er beschloss, das Projekt in seiner Stadt weiter voranzutreiben, und stieg als assoziierter Partner ein. Außerdem wollten die Partner aufgrund der Größe des Projektes nicht nur Häuser bauen, sondern vom Mehrnutzen profitieren, und ergänzten es um begleitende Forschung und wissenschaftliche Partner. Da es zu Projektbeginn in Dänemark keine Passivhäuser gab, die Uni Lund einen entsprechenden Schwerpunkt hatte und Schweden als skandinavisches Land ähnliche Rahmenbedingungen bot, war sie der ideale Partner für die Dänen. Salzburg hingegen suchte mehr Input im sozialen Bereich, den die Uni Delft bzgl. sozialer Wohnbeteiligungen und Partizipationsprozesse liefern konnte. Gemeinden, die selbst noch keine Einreichung gemacht haben, die aber sehen wollen, wie das geht, können sich zunächst als assoziierte Partner an einem Projekt beteiligen, um zu beobachten und zu lernen. Man hat keine großartigen Verpflichtungen, profitiert aber von den Erfahrungen und Prozessen.

Verbindlichkeiten schaffen

Für die Abwicklung und das übergeordnete Projektmanagement holt man sich am besten einen Partner mit Erfahrung. Er weiß, wie man einen Antrag bzw. die Berichte schreiben und worauf man achten muss. Da die EU am Ende die Erfahrungen und Ergebnisse aus den Projekten präsentiert, ist es auch von Vorteil zu wissen, was gerade auf der europäischen Agenda Priorität hat. Im EU-Vertrag trat jeder Salzburger Partner eigenständig auf.

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Worauf es bei EU-Projekten ankommt

•    Vertrauenswürdige Partner finden

•    Beziehungen über Jahre pflegen, Kontakte halten

•    Lead Partner mit Erfahrung und Referenzen suchen

•    Verbindliche Ziele und Rollen festlegen

•    Kommunikation und Austausch suchen

•    Unterstützung suchen

•    Keine Angst vor Pionierarbeit
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Der große Vorteil dabei ist, dass die Verbindlichkeit für die Partner viel größer ist. "Wahrscheinlich wäre es beim nächsten Mal besser, entweder als Konsortium aufzutreten oder den Lead zu übernehmen und die anderen als Sub-Partner aufzunehmen. In Dänemark hatten sie Sub-Partner. Die taten sich mit der Abrechnung leichter, aber mit der Verbindlichkeit schwerer", erklärt Straßl. Ausschlaggebend für Salzburg war, dass man nicht für das gesamte Bauvolumen haften wollte, denn das sei schließlich Sache der Bauträger. Obwohl dies von der Abrechnung her komplizierter ist, weil jeder EU-Partner seine Berichte selbst erstellen und seine Abrechnungen machen muss und auch entsprechend von der EU kontrolliert werden kann. In Salzburg wurden die zu erreichenden Ziele in einer detaillierten Qualitätsvereinbarung erfasst, der sich alle Grundeigentümer, Bauträger und die Stadt Salzburg verpflichteten: Neben einem 2.000 m2 großen Kollektor, einem 200.000-Liter-Pufferspeicher und einem HWB von 18 flossen auch soziale Aspekte in die Vereinbarung ein. Außerdem wurden die Rollen aller Partner sowie der einzelnen Arbeitsgruppen und alle weiteren Verbindlichkeiten definiert. Straßl: "Die Qualitätsvereinbarung ist kein Vertrag, rechtlich würde sie nicht halten. Vom Prozess her war es aber unheimlich hilfreich. Die Ziele waren klar formuliert, die Spielregeln waren niedergeschrieben worden und es gab eine gewisse moralische Verpflichtung, sich daran zu halten."

Ablauf und Berichtswesen

"Vom Förderablauf her hat das Projekt sehr gut funktioniert. Auch wenn alles lang dauert, ist so ein EU-Projekt nicht komplizierter als ein anderes Forschungsprojekt." Bei so großen, langfristigen Projekten geht man immer ein Risiko ein. Man schreibt einen Antrag, ohne zu wissen, ob das Projekt überhaupt bewilligt wird, und man schreibt ihn recht hypothetisch, lange vor Baubeginn. Von der Einreichung über den Vertrag kann es gut eineinhalb Jahre dauern, bis das Projekt zu laufen beginnt. Danach soll das Vorhaben aber in kürzester Zeit abgewickelt sein. Bei einem Zeithorizont von acht Jahren kann aufgrund der öffentlichen Meinung in einer Stadt viel passieren. Für den Antrag muss man aber relativ genau formulieren, was in den einzelnen Berichten an Zwischenergebnissen, an sog. Deliverables erreicht werden soll. "Am Schluss hatten wir zwei Deliverables, die sich erübrigt hatten. Was vor zehn Jahren noch wichtig war, wie die Photovoltaik-Förderung, hatte dann mittlerweile jeder. Das haben wir aber rechtzeitig mit der EU-Kommission besprochen und danach einzelne Deliverables zusammengelegt oder auch verändert, weil sich das Projekt verändert hat." Wichtig ist jedenfalls die Kommunikation, auch die unmittelbare. "Wir sind für ein Zwei-Stunden-Gespräch nach Brüssel geflogen, um die ganze Liste direkt mit unserem Ansprechpartner zu besprechen. Das direkte Gespräch ist da oft Gold wert und besser als hundert E-Mails, die man hin- und herschickt", erinnert sich Straßl.

Die Finanzabrechnung war alles andere als einfach, besonders die Personalkosten bereiteten Kopfzerbrechen, denn beim CONCERTO gab es für die verschiedenen Sparten unterschiedliche Fördersätze: Ob Management, Forschung, Umsetzung oder Training - alle Stunden mussten entsprechend zugeordnet werden. Jeder Partner hatte auch ein Budget für den Erfahrungsaustausch bekommen, um die Netzwerkarbeit rundherum abrechnen zu können. Aufgrund der unterschiedlichen Partnerstrukturen war die Abrechnung schwierig. Das wurde in Brüssel aber zwischenzeitlich erkannt und im neuen Förderprogramm, Horizon 2020, vereinfacht.

Vieles lernt man im Laufe des Projektes, bei einigen Punkten suchten die Salzburger Unterstützung bei der FFG. "Wenn man die Unterlagen das erste Mal von der EU mit Vermerken zurückbekommt, dann macht man es beim nächsten Mal eben anders. In Brüssel hatten wir einen Ansprechpartner für die technischen und einen für die finanziellen Sachen. Der technische Ansprechpartner blieb all die Jahre gleich. Das war eine sehr gute Zusammenarbeit. Beim Finanzansprechpartner hatten wir drei verschiedene und da hat jeder die Dinge ein bisschen anders gesehen."

Mehrwert

Exkursion_Malm___kleinBei einem solchen Projekt geht es aber um mehr als nur darum, ein Haus zu bauen und dafür eine Förderung zu bekommen.Es geht darum, so viel wie möglich von der Kooperation und den anderen Partnern zu profitieren. "Wir wollten einen richtigen Austausch, eine gegenseitige Befruchtung. Das hat wirklich toll geklappt. Wir haben wechselseitig Exkursionen gemacht, Fachthemen bearbeitet, Experten hin- und hergeschickt. Und das ist auch der Mehrwert daran", erzählt Straßl voll Begeisterung.

Ohne das EU-Projekt wären die Häuser in Salzburg wahrscheinlich auch nie so hochwertig saniert worden. "So ein Projekt startet lokal einen unheimlichen Prozess. Es war das erste Mal, dass man sich für einen Stadtteil übergreifend zusammengesetzt hat. Es war eine völlig ungewohnte Denkweise und wir sind auf viele 'missing links' draufgekommen, gerade was z. B. die Freiraumplanung anbelangt." Im "normalen" Bauablauf fühlte sich niemand für den ganzen Stadtteil verantwortlich. Alles hatte scharfe Grenzen: Die Stadt war für die Straße zuständig, ab der Baugrenze war der Bauträger zuständig und wenn es eine öffentliche Durchwegung gab, wurde es schon heikel. In ganzen Stadtteilen zu denken, ist noch nicht üblich. Es kann dies eine neue Aufgabe für die Stadtplanung sein, sich Lösungen für ganze Stadtteile zu überlegen und auch aktiv Planungs- und Moderationsaufgaben zu übernehmen. Der Aufwand hat sich also auf jeden Fall gelohnt. "Das erste Projekt, das man in so einem Bereich macht, ist immer Pionierarbeit. Da geht viel Zeit und Energie für Dinge drauf, die beim nächsten Mal schon selbstverständlich sind. Davon darf man sich nicht abschrecken lassen." Die EU-Förderung animiert auch dazu, aus einem Projekt etwas Besonderes zu machen.

"Man traut sich eher über neue Dinge drüber. Es verhindert auch, nicht zu sehr in Routine zu verfallen. Mit der Diskussion des leistbaren Wohnens ist die Gefahr groß, dass man Qualitäten, die wir uns über Jahre erarbeitet haben, jetzt wieder aufgibt. Das langfristige Ziel muss eine gute Qualität sein, und da gehören auch übergreifende Dinge einfach dazu. Da geht es eben nicht nur um den HWB und um die Heizung, sondern auch um die Freiraumgestaltung, das soziale Umfeld, das ganze Stadtteilmanagement. Und das alles ist nicht allein Aufgabe der Wohnbauförderung."