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Jedem Dorf seinen eigenen Euro

Alles andere als leicht machen es einem derzeit Politik und Währungshüter, an den Euro zu glauben. So wächst die Zahl an regionalen Zahlungsmitteln.
Obwohl sie bisher nur auf Gemeindeebene funktionieren, engagieren sich überwiegend Privatinitiativen dafür.

Von Arno Miller, public


Es hat durchaus etwas Anarchisches. Wir da unten gegen die da oben. Dass man mit der Regionalwährung „Waldviertler“ zwar in rund 200 Geschäften in den Bezirken Gmünd, Waidhofen an der Thaya und Zwettl einkaufen kann, Supermarktketten aber die Annahme verweigern, habe einen einfachen Grund, liest man auf der Webseite der Initiative: „Diese Konzerne haben kein besonderes Interesse daran, Güter für ihr Warenangebot auch im Waldviertel zu kaufen. Sie wollen nur möglichst billig einkaufen und möglichst viel Gewinn machen, der dann in die jeweiligen Zentralen fließt (oft auch nicht mehr in Österreich) und keinerlei Investitionen in unserer Region auslöst.“

Dabei sind die Fans dieser Komplementärwährung noch gut bedient. Anderswo ist die Akzeptanz des alternativen Geldes in der Regel weitaus geringer. Veronika Spielbichler, Obfrau des Unterguggenberger Instituts in Wörgl, kennt österreichweit etwa 40 verwandte Initiativen. Jetzt, in der Euro-Krise, steige das Interesse spürbar. Das Institut ist Anlaufstelle für jene, die zum Euro eine Alternative bieten wollen.

regionalwaehrung_webBildnachweis: Waldviertler Regionalwährung


Historischer Background
Die Gründe dazu sind vielfältig, treffen jedoch im Kern die Absicht des Namensstifters: die Wertschöpfung und Kaufkraft am Ort zu halten. Der Wörgler Bürgermeister war 1932 in einer prekären Situation: Die örtliche Industrie war stark zurückgegangen, zu den Steuerausfällen kamen steigende Unterstützungsleistungen an Arbeitslose. Ein Wohlfahrtsausschuss organisierte die Ausgabe von Notgeld an die Gemeindeangestellten: den „Wörgler Schilling“. Eigentlich waren es so genannte Arbeitswertscheine, allerdings an den „echten“ Schilling gekoppelt und somit gedeckt. Damit konnten einerseits Steuern bezahlt werden, andererseits nahmen die einheimischen Geschäftsleute das Freigeld in Zahlung.

Das Experiment war erfolgreich und wurde als Modellversuch in der Presse als „Wunder von Wörgl“ gepriesen: Geldkreislauf und Wirtschaftstätigkeit wurden wiederbelebt, überall wurde gebaut und investiert, während das übrige Land tief in der Wirtschaftskrise steckte. Sogar der französische Finanzminister und spätere Ministerpräsident Edouard Daladier reiste eigens aus Paris an, um die Vorgänge in dem Unterinntaler Städtchen zu studieren. Das Ende kam im September 1933 unter Androhung der Armee: Die Österreichische Nationalbank war erfolgreich zu Gericht gezogen.
Die Nationalbank ist heute nachsichtiger und verfolgt derartige Initiativen mit demonstrativem Desinteresse. „Gutscheinsysteme, die nach ein paar Monaten von selbst wieder aufhören“ und anachronistische „Absurdität“ sind Attribute, mit denen sie halboffiziell bedacht werden.
Selbstredend: Der Leidensdruck ist heute ein ganz anderer als 1932 – und es braucht schon eine Menge Ambition, eine Komplementärwährung über die enthusiastische Startphase hinweg zu etablieren. Zahlreiche Initiativen scheitern. „Sie sind dort erfolgreich“, erklärt Spielbichler, „wo Netzwerkbildung erfolgt, zum Beispiel im Rahmen von Gemeindeentwicklungsprozessen.“

Kluge Konzepte
Nirgendwo blieb bisher eine Alternativwährung in Österreich so erfolgreich wie der erstmals im Mai 2008 im Bregenzerwälder Dorf Langenegg ausgegebene „Talent“.

„Das liegt daran, dass hier tatsächlich die Gemeinde als Körperschaft dahintersteht und Langenegg als einzige Kommune sämtliche Förderungen in Lokalwährung ausbezahlt“, erklärt Bürgermeister Georg Moosbrugger. Egal, ob es sich dabei um Steilhangförderung für Bergbauern oder die Förderung von Energiesparlampen handelt. „Denn wie war es früher? Da sind die Vereine mit dem Geld gleich zum nächsten Diskonter gefahren.“

Auch Private können „Talente“ im Monatsabo erwerben und sich im Dorfladen über einen fünfprozentigen Rabatt freuen. Bürgermeister Moosbrugger hat die Wirkung der Initiative und den lokalen Kreislauf des Ersatzgeldes untersuchen lassen und präsentiert erstaunliche Zahlen: „Pro Jahr kommen Langenegger Talente“ im Wert von rund 150.000 Euro im Umlauf, und jeder „Talent“ wird bis zu viermal ausgegeben. Damit bleibt eine Kaufkraft von rund einer halben Million Euro im Dorf.“ Ein Dorf mit nur etwas mehr als 1.000 Einwohnern.
Langenegg ist auch nur eine von zwei Gemeinden in Österreich, in denen Kommunalsteuern mit der Lokalwährung bezahlt werden können. Die andere ist Heidenreichstein in Niederösterreich, wo ein Drittel der Steuern in Form des „Waldviertlers“ akzeptiert wird. Eigentlich auch nur deshalb, heißt es aus der Gemeindestube, weil der Initiator des „Waldviertlers“ Karl Immervoll Heidenreichsteiner ist.  In Langenegg darf die Hälfte der Kommunalsteuern mit „Talenten“ beglichen werden. Mehr habe die Gebarungskontrolle nicht zugestanden, erzählt Moosbrugger. Er sagt auch ganz offen, dass „die Langenegger ‚Talente‘ natürlich polarisieren. Die einen finden das irrsinnig toll, die anderen fragen, ob wir einen Vogel haben, jetzt, wo der Schilling abgeschafft ist, eine neue Währung einzuführen“.


Zeit ist am kostbarsten

Die Begrifflichkeiten täuschen mitunter. Es ist nicht klassisches Bargeld, das da in Umlauf gebracht wird und „Styrrion“, „Judenburger Gulden“, „Klostertaler“, „Gösingtaler“ oder „Tiroler Stunde“ heißt. Viel öfter stehen Tauschgeschäfte Arbeit gegen Arbeit oder Arbeit gegen Komplementärwährung dahinter.

Es gehe nämlich darum, sagt Veronika Spielbichler, den Sinn von Geld neu oder anders zu verstehen: „Es ist ja nicht von Gott gegeben!“ Ziel sei nicht der Ersatz des Euro, beteuert sie, sondern eine sinnvolle Ergänzung: „Es sollen für eine Region bestimmte Dinge erträglicher erfüllt werden.“ Für die Altenbetreuung brauche es keinen Euro oder Dollar – wenn das Sozialsystem funktioniert, dass Leistung auf Gegenseitigkeit basiert, und die Währung Zeit heißt. Das sind hehre und scheinbar utopische Ziele, aber nicht völlig aus der Welt. In Japan funktioniert das seit Jahrzehnten: Dort sammeln Studenten durch Altenbetreuung Stunden an, die später in der eigenen Pension in geldwerter Leistung angerechnet werden. „Zeit ist inflationssicher“, sagt Spielbichler, „eine Stunde ist auch in 50 Jahren noch eine Stunde!“